Wie lernt es sich vom heimischen Computer?
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Die Corona-Krise zwingt alle Schulen im Saarland seit drei Wochen zum Fernunterricht. Die Zwischenbilanz fällt gemischt aus: Vieles klappt gut, anderes bereitet große Sorgen.
Von Gerrit Dauelsberg

SAARBRÜCKEN | Keine Schulglocke, keine großen Pausen, keine Klassenarbeiten – aber trotzdem keine Ferien. Dafür sehr viele Hausaufgaben. Vieles ist anders in diesen Corona-Tagen. Das gilt besonders auch für Schüler, Lehrer und Eltern im Saarland, die von jetzt auf gleich das Experiment Fernunterricht wagen mussten. Nach drei Wochen Schulschließungen und knapp eine Woche vor Beginn der Osterferien fällt das Zwischenfazit gemischt aus: Vieles läuft erstaunlich gut, anderes eher holprig und wieder anderes gibt Anlass zu großer Besorgnis.

In die letzte Kategorie fallen Schüler aus sozial prekären Verhältnissen. Dass diese jetzt durchs Raster fallen, ist etwa die große Sorge von Lisa Brausch, Vorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (SLLV): „Wir werden im Nachgang viel Zeit brauchen, um diese Schüler wieder heranzuführen.“ Denn die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen von daheim sind höchst unterschiedlich. Einige Schüler hätten gar nicht das Equipment, um Online-Plattformen zum Lernen zu benutzen. „Denen bringen wir das Material nach Hause“, sagt Grundschul-Lehrerin Brausch. Auch das saarländische Bildungsministerium sieht Herausforderungen, die derzeit deutlich werden: Es stelle sich die Frage, welche Ausstattung Schüler zu Hause brauchen, um nicht abgehängt zu werden.

Dazu kommt: Kinder aus schwierigen Verhältnissen geraten insgesamt aus dem Blick, häusliche Probleme werden kaum noch wahrgenommen. Brausch warnt: „Das ist eine riesige Grauzone, die mir Angst macht.“ Auch das Bildungsministerium sieht an dieser Stelle Handlungsbedarf: Eine Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe über das System der Schulsozialarbeit hinaus sei unabdingbar, sagt Ministeriums-Sprecherin Marija Herceg.

Insgesamt aber – und das ist der positive Teil des Fazits, das alle Beteiligten ziehen – werden die meisten Schüler gut erreicht und mit Aufgaben versorgt. Und diese würden in den meisten Fällen auch erledigt, sagt Karen Claassen, Vorsitzende des Verbandes reale Bildung (VRB). Andernfalls gebe man den Eltern eine entsprechende Rückmeldung, sagt die Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule. Auch die Eltern loben das Engagement der Schulen: „Wir sehen so viel Positives“, sagt Bernhard Strube, Sprecher der Landeselterninitiative für Bildung. Es sei erstaunlich, was plötzlich alles möglich ist. „Die aktuelle Situation ist eine große Herausforderung, die unsere Schulen aber gut meistern“, sagt auch Herceg.

Das Ministerium selbst bekommt von den oft so kritischen Lehrer-Verbänden im Saarland derzeit viel Lob – so etwa von Birgit Jenni, Berufsschul-Lehrerin und Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft: „Das Bildungsministerium leistet sehr gute Arbeit“, sagt sie. So hat es dieser Tage etwa einen Leitfaden „Lernen von zuhause“ erstellt, der Schulen, Lehrern, Eltern und Schülern in diesen schwierigen Zeiten helfen soll. Er enthält etwa Informationen über verschiedene Online-Lernplattformen und definiert die Rollenverteilungen der am Fernunterricht beteiligten Akteure.

So enthält die Broschüre beispielsweise Tipps, wie Eltern und Schüler die Schultage daheim besser strukturieren können. Denn: „Gerade die jüngeren Schüler brauchen eine feste Tagesstruktur“, sagt Brausch. Doch die kann die Schule derzeit nicht bereitstellen. Hier müssen die Eltern einspringen, was nicht immer einfach ist. Gerade bei Familien mit mehreren Kindern und Eltern im Homeoffice sei es etwa schwierig, einen ruhigen Platz zum Lernen zu finden. Ganz abgesehen davon, dass es in einem fünfköpfigen Haushalt oft keine fünf Computer-Arbeitsplätze gibt.

Nicht der einzige technische Stolperstein in diesen Tagen: Lennart-Elias Seimetz, Pressesprecher der Landesschülervertretung, findet vor allem die Vielzahl an Plattformen problematisch, über die Lehrer und Schüler sich austauschen. „Jeder nutzt etwas anderes“, sagt der Zehntklässler von der Willi-Graf-Realschule in Saarbrücken – zum Beispiel E-Mail oder Lernplattformen wie Quizlet, Lernwelt Saar oder Online Schule Saarland.

Letztere hat das Bildungsministerium gemeinsam mit dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien bereitgestellt. Inzwischen nutzen laut Ministerium 243 saarländische Schulen die neue Plattform, die etwa eine Cloud für Lernmaterialien oder Möglichkeiten für den direkten Austausch von Schülern und Lehrern bereitstellt. „Online Schule Saarland funktioniert sehr gut“, sagt Seimetz. Allerdings seien eben noch nicht alle Schüler und Lehrer dort angemeldet.

Man merkt: Vieles ist noch längst nicht eingespielt. „Wir arbeiten digital ab, was wir analog erarbeiten“, fasst Claassen den derzeitigen Arbeitsalltag der Lehrer zusammen. Strube bemängelt, dass nicht vor Jahren schon Konzepte für digitales Lernen entwickelt wurden. Auch Investitionen in die Ausstattung seien verpasst worden. Das Ergebnis: eine Vielzahl technischer Probleme. „Eine Überlastung von Lernplattformen, Internetverbindungen oder auch bei den Kapazitäten in Telefonschalten oder Videokonferenzen erleben wir derzeit in allen Bereichen“, räumt das Bildungsministerium ein.

„Wir haben durch die Diskussion über den Digitalpakt viel Zeit verpasst“, bemängelt Jenni. Nach jahrelangem Tauziehen haben sich Bund und Länder vergangenes Jahr darauf geeinigt, dass mehr als fünf Milliarden Euro Bundesgelder für die Digitalisierung der Schulen bereitgestellt werden – davon 60 Millionen für das Saarland. Der Digitalpakt trat im Mai 2019 in Kraft – zu spät, um alle Schulen auf eine Situation wie die jetzige vorzubereiten. Und so zwingt die Corona-Krise dazu, viel Versäumtes in kurzer Zeit nachzuholen. Der Schub, den digitale Bildung derzeit erfahre, lege auch offen, welche Herausforderungen sich noch stellen, sagt Herceg. Grundschul-Lehrerin Brausch sieht das ähnlich: „Es ist eine Zeit des Lernens – auch für uns.“

Der Leitfaden „Lernen von zuhause“ vom Bildungsministerium ist im Internet unter https://corona.saarland.de/lernen-von-zuhause abrufbar.