Geschichtsunterricht mit dem Handy
   Foto: Buss
Eine Station während des Rundgangs war der Platz vor dem Saarbrücker Rathaus. Dort erinnern drei Stolpersteine an von den Nazis ermordete Juden.
Eine neue App bringt Saarbrücker und Gäste zu wichtigen „Orten der Erinnerung“.
Von Nicole Baronsky-Ottmann

SAARBRÜCKEN | Bürger können sich jetzt eine kostenfreie App herunterladen, die etwas ganz Besonderes ist. So besonders, dass zu ihrer Einweihung am Donnerstagmittag vor dem Hauptbahnhof in Saarbrücken über 20 Personen und Pressevertreter gekommen waren. Die App, eine Anwendungssoftware für Mobilgeräte, heißt „Orte der Erinnerung“, und sie ermöglicht eine Entdeckungstour zu zehn Stellen des Widerstandes und der Verfolgung in der Saarbrücker Innenstadt. „Die Entwicklung dieser App geht zurück auf einen Rundgang der Landesarbeitsgruppe Erinnerungsarbeit zu diesen Orten. Sie war so ein großer Erfolg, dass sie nun als App nachgebaut wurde“, erklärte Burkhard Jellonnek, Leiter des Landesinstituts für Pädagogik und Medien des Saarlandes (LPM).

Das Institut, das Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel und die Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes haben die App gemeinsam entwickelt und von der in Dudweiler sitzenden Agentur Eurokey programmieren lassen. Die Kosten dafür trägt das LPM. Die App „Orte der Erinnerung“, betonte Burkhard Jellonek, richtet sich an jedermann, sowohl Schüler und Jugendliche, als auch Interessierte und Touristen. „Für Schulklassen ist sie ein hervorragendes Angebot“, sagte er, denn die Nutzer können in der App die Erinnerungsorte einfach abrufen, oder aber sie mit der Quiz-Tour wie zu einer Schnitzeljagd verbinden. Außerdem werden die Orte der Erinnerung nicht nur mit kurzen Texten vorgestellt, sondern mittels historischen Fotos und Audiodateien zum Leben erweckt.

„Eigentlich sollte die App im Juni mit einer Schulklasse vorgestellt werden. Aber darauf haben wir wegen Corona verzichtet“, erklärte Fabian Müller vom Adolf-Bender-Zentrum. Stattdessen begleiteten den anschließenden Rundgang Mitarbeiter der „außerschulischen Jugendarbeit“.

Sabine Graf, Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung, erläuterte, warum man sich vor dem Hauptbahnhof getroffen hatte. „Am 9. November 1938, in der Reichspogromnacht, wurden 150 jüdische Männer aus ihren Wohnungen geholt und mussten auf dem Bahnhofsvorplatz in einer Sandgrube unter Morddrohungen ihr eigenes Grab schaufeln.“ Die App zeigt zu diesem Erinnerungsort zwei historische Fotos des Bahnhofs, einen kurzen, aber sehr prägnanten Text und eine Audiodatei. Diese Informationen können sich die Nutzer jederzeit in der App anschauen. Richtig interessant ist die Quiz-Tour. Denn wie bei einer Schnitzeljagd muss man sich die Umgebung der Orte genau anschauen, sich des Kontrastes des heutigen und früheren Ortes bewusst werden, und kann erst nach einer Antwort zum nächsten Ort gelangen. Dies ist die Bahnhofstraße Nr. 95. Dort steht, mitten in der Fußgängerzone, eine Erinnerungsstele der Saarländischen Gesellschaft für Kulturpolitik. Sie erinnert an eine Pension, die Marie Juchacz, Reichstagsabgeordnete der Sozialdemokratischen Partei, für Flüchtlinge eröffnet hatte, und in der auch die spätere Politikerin Johanna Kirchner, die 1944 in Berlin hingerichtet wurde, gearbeitet hatte.

Die nächste Station in der Futterstraße hielt für viele der Teilnehmer der Tour eine Überraschung parat. Denn nicht nur an einem Pfeiler Ecke Kaiserstraße wird mit einer Tafel an die ehemalige Saarbrücker Synagoge erinnert, sondern auch recht unscheinbar an einer Häuserwand. „In der Audiodatei ist ein Text von Rabbiner Rülf zu hören“, erläuterte Sabine Graf. Sie machte auch nochmal deutlich, auf wie vielfältige und unterschiedliche Art und Weise in Saarbrücken erinnert wird. „Das sind Tafeln, Stolpersteine, wie vor dem Rathaus, Stelen, aber auch Kunstwerke oder einfach nur die Namensgebung“.

Die nächste Station, der Rabbiner-Rülf-Platz mit dem Kunstwerk „Der unterbrochene Wald“ und das Willi-Graf-Ufer erinnern an gleich zwei Helden der Stadtgeschichte. Auch die übrigen Stationen, das Theater, das unsichtbare Mahnmal am Schloss und das Historische Museum, beweisen, dass man sich in Saarbrücken an vielen Stellen der schwierigen Vergangenheit bewusst ist. Und nun sind diese Orte mithilfe einer informativen und sehr einfach zu bedienenden App auch miteinander verbunden.