Interview Barbara Klein und Thomas Löffler

„Bei uns sterben die Menschen nicht alleine“
Foto: Sarah Konrad
Barbara Klein ist die Geschäftsführerin des St. Wendeler Hospiz Emmaus. Neben ihr steht Pflegedienstleiter Thomas Löffler.   

Die Pandemie stellt die Mitarbeiter im Hospiz Emmaus vor eine große Herausforderung: Sie müssen auf Abstand Geborgenheit vermitteln.

St. Wendel Glücklich zu sein, obwohl der Tod naht – das möchten die Mitarbeiter des St. Wendeler Hospiz Emmaus ihren Patienten ermöglichen. Keine leichte Aufgabe. Erst recht nicht in Zeiten einer Pandemie. Wie das Coronavirus die Sterbebegleitung verändert hat, erzählen Geschäftsführerin Barbara Klein und Pflegedienstleiter Thomas Löffler im Interview mit der Saarbrücker Zeitung. Ihre wichtigste Botschaft schon mal vorneweg: „Was auch passiert, bei uns sterben die Menschen nicht alleine.“

Vertrautes Miteinander, tröstende Berührungen, innige Gespräche – in Zeiten einer Pandemie ist all das nicht mehr wie gewohnt möglich. Wie hat sich dadurch der Umgang mit den Patienten verändert?

Thomas Löffler Wie überall ist auch unser Alltag derzeit von Abstand und Distanz geprägt. Die Mitarbeitenden berühren unsere Gäste zwar noch, aber eben meist nur zur Pflege. Das ist mit einer tröstenden Berührung nicht zu vergleichen. Dabei lebt die Hospizarbeit davon, Geborgenheit zu vermitteln. Das ist momentan leider nur eingeschränkt möglich. Wir sehnen uns wieder nach mehr Nähe. Die fehlt unseren Gästen am meisten.

Barbara Klein Auch unsere Mitarbeitenden leiden darunter, dass sie den Menschen die physische Nähe nicht mehr wie gewohnt geben können. Aber sie versuchen, durch Gesten und Aufmerksamkeiten eine psychische Nähe herzustellen. Dabei geben sie sich wirklich große Mühe und das gelingt ihnen auch.

Gibt es noch weitere Veränderungen und Herausforderung, die die Pandemie für Sie mitgebracht hat?

Klein So einige. Wir müssen beispielsweise die Besuche ganz anders koordinieren und strukturieren. Wir können nicht mehr so ein offenes Haus sein wie früher. Außerdem müssen wir die Hygienepläne immer wieder neu anpassen, sehr viele Listen führen und Testungen vornehmen. Es sind zahlreiche administrative Aufgaben dazugekommen. Das Personal hat viel Aufwand damit, all die Vorgaben umzusetzen. Zusätzlich müssen wir die Angehörigen, die sich ohnehin schon in einer Ausnahmesituation befinden, stets über die Reglungen informieren und dafür sorgen, dass sie diese auch einhalten. Eine weitere Belastung ist, dass die Gäste eher in ihren Zimmern verbleiben. Dadurch ist das Personal noch mal mehr gefordert.

Wie gelingt es Ihnen in dieser schwierigen Zeit, die Patienten und Angehörigen dennoch gut auf ihrem Weg zu begleiten?

Klein Durch die konsequente Einhaltung aller Hygieneregeln und die empathische Zuwendung durch unser gut ausgebildetes Personal. Wir haben schon sehr früh ausschließlich FFP2-Masken getragen und Luftreinigungsgeräte angeschafft. Gäste, die neu zu uns kamen und nicht getestet waren, wurden bis zum Test nur unter besonderen Schutzvorkehrungen betreut. Von Anfang an haben wir genau darauf geachtet, dass unsere Besucher sich an die Regeln halten. All diese Maßnahmen erhöhen die Sicherheit in der Einrichtung – und führen letztendlich auch dazu, dass stets Kontakt möglich ist. Wir mussten beispielsweise nie wegen eines Corona-Ausbruchs schließen. Familien und Freunde mussten nie darauf verzichten, ihre Angehörigen zu besuchen.

Welche Sicherheitsvorkehrungen haben Sie noch getroffen?

Klein Bereits seit Oktober vergangenen Jahres führen wir Schnelltests durch. Mittlerweile darf niemand mehr das Hospiz betreten, ohne sich vorher testen zu lassen. Seit drei Wochen unterstützen uns Soldaten der Bundeswehr dabei. Sie sind engagiert und wir sind für ihre Hilfe sehr dankbar. Außerdem haben wir im Team eine hohe Impfbereitschaft. Fast alle Mitarbeitenden haben die erste Impfung bereits erhalten. Auch das ist ein großer Sicherheitsfaktor.

Sie haben eben gesagt, die Patienten mussten nie auf den Besuch ihrer Angehörigen verzichten. Wie sehen die Besuchs-Reglungen für Hospize aktuell aus?

Klein In Hospizen gelten die gleichen Vorgaben wie in Altenheimen. Täglich sind Besuche von bis zu zwei Stunden für zwei Personen erlaubt, auf dem Zimmer des Gastes und bei schönem Wetter auch draußen. Allerdings nur mit Anmeldung und Testung.

Löffler Wenn sich der Gesundheitszustand eines Gastes verschlechtert, erweitern wir die zweistündige Besuchszeit. Angehörige bekommen so viel Zeit zum Verabschieden, wie sie brauchen. Sie dürfen auch bei ihren Lieben übernachten. Die Familien können die Schwerkranken in der Sterbephase also nach wie vor begleiten. Bei uns sterben die Menschen nicht alleine.

Normalerweise unterstützen ehrenamtliche Helfer Sie bei der Arbeit. Ist das derzeit noch möglich?

Löffler Uns unterstützen für gewöhnlich Ehrenamtliche der Christlichen Hospizhilfe im Landkreis St. Wendel. Im Moment dürfen diese nur bedingt zu uns kommen. Freitags haben wir zum Beispiel immer ein Hospiz-Café, das von den ehrenamtlichen Helfern gestaltet wird. Das kann zurzeit nicht stattfinden.

Wie sehr fehlen Ihnen die Ehrenamtlichen?

Klein Sie fehlen nicht nur uns, sondern vor allem auch den Gästen und Angehörigen sehr. Zum Glück fangen die Seelsorger aktuell einiges auf. In einer Zeit, in der Ehrenamtliche und Angehörige nicht so oft zu Besuch kommen dürfen, spielen sie eine besonders wichtige Rolle.

Die Pandemie hat nicht nur zur Folge, dass Ehrenamtliche nicht mehr wie gewohnt bei der Hospizarbeit helfen dürfen. Sie verhindert auch die Organisation von Spendenaktionen.

Klein Das stimmt. Viele Sammel-Aktionen haben in den vergangenen Monaten nicht wie gewohnt stattgefunden. Dieses Geld fehlt uns definitiv. Wir müssen fünf Prozent unserer Ausgaben selbst generieren und sind daher auf Spenden angewiesen.

Würden Sie sich vonseiten der Politik mehr Unterstützung wünschen?

Klein Wir wurden bisher von der Politik gut begleitet. In all den Verordnungen hat man Rücksicht auf die Palliativ-Versorgung genommen und uns einen gewissen Spielraum gelassen. Ein schwieriges Thema sind hingegen die Impfungen. Wir wurden nicht zusammen vor Ort geimpft, sondern mussten uns einzeln um die Termine kümmern und zu den Impfzentren fahren. Das hat teilweise zu großen Zeitverzögerungen bei den Impfterminen geführt. Hospizgäste, die sich impfen lassen möchten, wurden bisher nicht berücksichtigt. Das ist schon sehr betrüblich.

Hat sich durch die Pandemie etwas an der Auslastung des Hospizes verändert?

Löffler Wir sind nur noch zu 70 bis 80 Prozent belegt. Ich arbeite jetzt seit neun Jahren im Hospiz Emmaus und habe es noch nie erlebt, dass so viele Betten frei waren. Normalerweise ist es schwierig, hier einen Platz zu bekommen. Seit der Pandemie hat sich das Entlassungsmanagement der Kliniken verändert. Dadurch kommen die Menschen oft erst in der Sterbephase zu uns. Das führt dazu, dass die Verweildauer bei uns gesunken ist. Auch die Angehörigen sind verunsichert. Vielen genügen die zwei Stunden Besuchszeit nicht. Sie versuchen daher, die Kranken, so lange es geht, zu Hause zu pflegen.

Klein Ich habe das Gefühl, dass die Menschen ein Stück weit das Vertrauen in die Hospizarbeit verloren haben. Sie vergleichen uns mit anderen Einrichtungen, etwa Krankenhäusern, wo derzeit kaum Besuche möglich sind und sie die gesundheitliche Entwicklung ihrer Angehörigen nicht so nah verfolgen können. Aber das ist bei uns nicht so. Wir stehen in ständigem persönlichem und telefonischem Kontakt mit den Angehörigen und halten sie über den Zustand ihrer Lieben auf dem Laufenden. Wir sind nach wie vor für sie da. Da hat so eine kleine Einrichtung wie unser Hospiz viel mehr Möglichkeiten.

Hat die Pandemie Auswirkungen auf die medizinische Versorgung der Schwerkranken?

Löffler Nein. Die Behandlung und Pflege unserer Gäste ist gleich geblieben. Auch die ärztliche Betreuung ist sichergestellt. Nur dass wir jetzt eben auf zusätzliche Hygienevorgaben achten müssen.

Frau Klein, Sie sind im März vergangenen Jahres ins Hospiz Emmaus gekommen und haben im Mai die Leitung übernommen. Das heißt, Sie haben noch keinen Arbeitsalltag ohne Corona erleben dürfen. Wie sehr sehnen Sie sich danach?

Klein Danach sehne ich mich sehr. Ich stelle ihn mir viel näher an den Menschen vor. Es wäre schön, wenn wir uns einfach mal im Team ohne Masken und ohne Abstand zusammensetzen dürften. Außerdem würde ich gerne wieder mehr Leben im Hospiz haben. Sich mit den Gästen und Angehörigen im Gemeinschaftsraum zu treffen, zu reden, gemeinsam Zeit zu verbringen. Auch wenn viele das nicht für möglich halten, das Leben im Hospiz ist für gewöhnlich sehr positiv. Ich freue mich schon sehr darauf.

Die Fragen stellte Sarah Konrad.

Auf einen Blick

Das stationäre Hospiz Emmaus befindet sich in einem eigenständigen Gebäude direkt am Marienkrankenhaus in St. Wendel. Die Mitarbeiter begleiten schwerstkranke und sterbende Menschen in ihren letzten Lebenswochen. Hospize sind aufgrund der Vereinbarungen mit den Kostenträgern verpflichtet, einen Teil der Kosten durch Spenden zu decken. Diese Kosten belaufen sich im Jahr auf mehr als 60 000 Euro. Die Einrichtung ist daher auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Weitere Infos unter:

www.hospizemmaus.de