Ein Probelauf in Sachen Demokratie
Fotos: Michael Beer
In der Schiffweiler Mühlbachschule spielen Schülerinnen und Schüler das Wahlprocedere durch.

An der Mühlbachschule in Schiffweiler wird diese Woche gewählt. Die ersten Stimmen sind am Montagmorgen in die Urne gegangen. Das Projekt heißt „Juniorwahl“ und spielt das Wahlprocedere detailliert durch. Nicht nur, um junge Leute zu erreichen.

Von Michael Beer

SCHIFFWEILER | Auf dem Flur steht eine Traube junger Leute. Manche noch ein bisschen verschlafen morgens um halb Neun. Die Masken sitzen, die Lehrerin lässt noch das Desinfektionsmittel kreisen. Mittlerweile Alltag an Schulen. Dafür haben alle auf dem Gang der Schiffweiler Mühlbachschule an diesem Montagmorgen einen ganz unalltäglichen Auftrag. Sie werden gleich wählen. Genau. Bundestagswahl. Gut, ihre Stimme wird bei der Wahl zum 20. Bundestag am kommenden Sonntag nicht mit in die Zählung gelangen. Aber ansonsten läuft die Simulation „Juniorwahl“ deckungsgleich ab. Vier Wochen lang, erläutert Lehrerin Fabienne Tietz, haben die Klassen sieben bis elf im Unterricht das Thema Wahlen beackert. Die jüngeren Jahrgänge mit dem Fokus auf den Ablauf, die älteren Jahrgänge mit politischem Schwerpunkt. Fabienne Tietz’ achter Klasse kommt eine besondere Rolle zu: Sie sorgt für den reibungslosen Ablauf, stellt Wahlhelferinnen und -helfer und zählt zum Schluss, am Freitagnachmittag, wenn alle 370 Schülerinnen und Schüler der beteiligten Jahrgänge gewählt haben, die Stimmen aus.

Melina, Anna und Mila sitzen am Tisch in dem Klassenzimmer, das als Wahllokal dient. Vor sich das Wahlverzeichnis. Die jungen Leute kommen mit ihrer Wahlbenachrichtigung in den Raum. Zwei Wahlkabinen nahe der Fenster, am Ausgang ist die Urne für die Stimmzettel. Melina und Anna haken Namen ab. Mila hat sich an der Urne positioniert, nimmt die gebrauchten Kugelschreiber in Empfang zur Desinfektion. Mal zu sehen, wie eine Wahl in ihrem kompletten Procedere abläuft, findet Mila gut. Sowieso sei wählen wichtig. Das sehen auch ihre Mitschülerinnen so. Mit Eltern oder Großeltern waren alle drei Schülerinnen schon im Wahllokal, sie kennen den Ablauf.

Das Projekt Juniorwahl läuft bundesweit. Träger ist der überparteiliche Verein Kumulus. Der hat dafür viele Kooperationspartner vom Bundestag selbst bis zur Landeszentrale für politische Bildung. Ziel ist es, junge Leute für das Thema zu sensibilisieren und auf diesem Weg auch in die Familien hineinzuwirken (siehe Info).

Klassenweise geht es ins Schul-Wahllokal. Die 7a macht den Anfang. Lehrerin Andrea Kunz hat 21 Juniorwählerinnen und -wähler vor die Tür gebracht. „Muss man wählen?“, fragen zwei Mädchen. Die Lehrerin verneint. Und schon zischen sie ab. Auch das ist Demokratie. Aber der Rest bleibt, nach und nach reichen die jungen Menschen ihren Benachrichtigungsschein an Melina und Anna. Den Wahlzettel schauen sich die meisten noch einmal genau an, bevor es in die Wahlkabine geht. Colin und Leonie sind die ersten der Schule, die den Zettel in die Box werfen. Es geht zügig, in 20 Minuten ist die siebte Klasse durch. Auf dem Fuß folgt eine zehnte. Werden sie wählen, wenn sie volljährig sind? Jonas, 15: „Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht wählen sollte.“ Leon, auch 15 Jahre alt: „Das ist die Sache von jedem Einzelnen, ob er geht oder nicht geht.“ Im Flur wartet eine Gruppe Mädchen. Vier Wochen Juniorwahl-Projekt – wissen sie mehr über Parteien und deren Inhalte? „Nö“, sagen einige. Aber den Wahl-O-Mat hätten sie gemacht. Und eines der Mädchen erklärt dann doch, im Unterricht seien Wahlprogramme Thema gewesen.

Die zehnte Klasse hat Co-Tutor Dirk Marzen vor das Wahllokal gebracht. „Das ist eine gute Sache“, sagt er zur Juniorwahl, „alle können ein bisschen Realität schnuppern und das Procedere einer Wahl kennenlernen.“ Auch das Gespräch, das sich später daheim entwickele, könne helfen, den ein oder anderen Desinteressierten zur Wahl zu bringen. Wenn am kommenden Sonntag dann die tatsächlichen Wahlen zum 20. Bundestag anstehen.

Info

Das bundesweite Projekt Juniorwahl

Die originalgetreue Wahlsimulation gibt es seit 1999. Der ausrichtende Verein Kumulus (gemeinnützig und überparteilich) schreibt, seither haben über 2,8 Millionen Schülerinnen und Schüler teilgenommen. Sie sollen an die Themen Wahlen und Politik herangeführt werden. Das Projekt sei zudem wissenschaftlich begleitet und ein Effekt bei Eltern und Erstwählern auf diesem Weg belegt.